der bürger als edelmann

Theater-AG am Gymnasium am Wall spielt Molières Stück "Der Bürger als Edelmann"

Verdener Nachrichten vom 09.04.2011

Kein Schlechter, sondern nur ein Dummer

Von Susanne Ehrlich

Verden. So viel Spaß kann philosophische Theaterweisheit machen: In einer bunten Reihe von Szenen, unterhaltsam und abwechslungsreich wie ein Varieté, kreist Molières Stück "Der Bürger als Edelmann" um die Frage von Sein und Schein. Und ganz nebenbei, zart und unaufdringlich, macht die junge Inszenierung der Theater-AG am Gymnasium am Wall auch das Glück zum Thema, dem gierig nachzujagen ein vergebliches Unterfangen ist.

So erfrischend, so voll komödiantischen Spielwitzes und hinreißender mimischer Virtuosität gestaltete Felix Brück die Rolle des reichen, doch unbedarften Bürgersmannes, der sich den Zugang zur noblen Welt erkaufen will, dass man ihn trotz all seiner peinlichen Marotten und seiner Kultur-Banauserei richtig gern haben musste. Am Ende war man froh, dass es ihm nicht gelungen war, sein Leben mit seinem eitlen Wahn ganz zu zerstören. Er ist halt, anders als viele andere Reiche, die meinen, sich mit Geld alles kaufen zu können, kein Schlechter, sondern nur ein Dummer.

Und so muss er zwar mächtig Federn lassen, doch schließlich können ihm seine kluge Frau (voll Charme und weiblich-intuitiver Überlegenheit: Luisa Kreime) und seine bezaubernde Tochter Lucille (verwöhnt und kapriziös, dabei mit Intelligenz und gesundem Menschenverstand versehen: Vivica Heller) verzeihen.

Wer mit Geld um sich wirft und gern Komplimente hört, der ist ein leichtes Opfer für Betrüger und Blender. Mit Esprit und vielen tollen Regieeinfällen von Rena und Jürgen Seifert begeisterten die Szenen, in denen sich Jourdain in musischer, philosophischer und edelmännischer Bildung übt und sich als Kultur-Sponsor gefällt. Herrlich, wie ihn Musiklehrer (Farina Linke), Tanzlehrer (Amelie Kleinsteuber) und Fechtlehrer (Alena Jakob) in überzogener Manier hofieren und ganz nebenbei durch den Kakao ziehen. Entzückend agierten der "Schäfer-Chor", dessen Karikatur einer modernen Interpretation Jourdain in Verwirrung stürzt, und die kleine Ballettklasse mit ihrer zauberhaften Choreografie, für deren niedliche Eleven er nur zu gern etwas springen lässt. Santos Blume agiert als Philosophielehrer mit köstlicher Arroganz und fällt am Ende gekonnt aus der Rolle - auch er eine große komödiantische Begabung.

Malte Stromberg lieferte eine konsequente Darstellung des verarmten Adeligen Dorante, der dem eitlen Tropf offenbar selbst die Schuld daran gibt, dass er sich so willig über den Tisch ziehen lässt. Auf die berechnende und männermordende Marquise Dorimène (wohl dosiertes Entgegenkommen und knallhartes Kalkül: Louisa Kravagna), bei der er für Jourdain den Liebesboten machen soll, hat er selbst ein Auge geworfen und gibt dessen teure Geschenke für die seinen aus.

Viel Show und Brimborium

So sehr sich der arme Jourdain auch abmüht - materieller Schaden und garstiger Spott sind die einzigen Ergebnisse all seiner Mühen. Weil er seine Tochter an den dreisten Schwindler Dorante verheiraten will, entwickeln Lucille und ihre Vertraute, die pfiffige Magd Nicole (Amelie Nienstedt) und ihr Liebster Cléonte und sein Diener Covielle (Jannes Joost und Lasse Gerken) eine tolle Intrige mit viel Show und Brimborium. Phantasievolle Kostüme und Zeremonien zaubern die Welt des orientalischen Hochadels in den Salon der Jourdains, und leichtgläubig wie immer, lässt sich der aufstrebende Bürgersmann zuerst zum "Mamamuchi" ernennen und stimmt dann zu, dass eine Tochter eine "Sultanine" wird und führt sie selbst dem als Sultan verkleideten Cléonte in die Arme. Als er bemerkt, dass er reingelegt wurde, ist es zu spät, und auch wenn er dem Betrachter fast ein wenig Leid tut: Das Ende könnte für alle Beteiligten nicht glücklicher sein - außer für das berechnende Pärchen Dorimène und Dorante, die nun ganz ohne Hoffnung auf Gewinn aneinander kleben bleiben.

Die erste Moral von der Geschichte - leider stimmt sie nicht immer, denn es muss nicht notwendig scheitern, wer mehr Schein als Sein aufzubieten hat. Doch die viel wichtigere Botschaft, dass das Glück jedenfalls woanders zu finden ist als in der eitlen Glamour-Welt, wird so engagiert, so glaubwürdig und herzerfrischend vorgeführt, dass das Lächeln noch Stunden nach der Aufführung nicht aus dem Gesicht verschwinden will.